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Ethik-Fallstricke bei AI im HR

AI im HR ist ein ethisches Minenfeld. Nirgendwo sonst treffen Algorithmen Entscheidungen, die das Leben von Menschen so direkt betreffen — Einstellung, Beförderung, Gehalt, Kündigung. Wer hier Fehler macht, riskiert nicht nur Reputation, sondern auch rechtliche Konsequenzen.

AGG und Diskriminierung

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG)

Das AGG verbietet Diskriminierung aufgrund von:

  • Rasse und ethnischer Herkunft
  • Geschlecht und geschlechtliche Identität
  • Religion und Weltanschauung
  • Behinderung
  • Alter
  • Sexuelle Identität

AI-spezifisches Risiko: Algorithmen können indirekt diskriminieren, auch wenn geschützte Merkmale nicht als Input verwendet werden (Proxy-Diskriminierung).

Typische Diskriminierungs-Szenarien

Bewerbungs-Screening:

  • AI bevorzugt Absolventen bestimmter Unis → soziale Selektion
  • Sprachmodelle bewerten "männlich" klingende Formulierungen höher
  • Lücken im Lebenslauf werden negativ bewertet → benachteiligt Elternzeit, Pflege, Migration

Gehalts-Algorithmen:

  • AI schlägt Gehalt basierend auf Marktdaten vor → reproduziert Gender Pay Gap
  • "Verhandlungsbereitschaft" als Feature → benachteiligt Kulturen mit weniger Verhandlungstradition

Performance-Bewertung:

  • Kommunikationsintensive Metriken → benachteiligen introvertierte Persönlichkeiten
  • "Sichtbarkeit" als Faktor → benachteiligt Remote-Mitarbeiter und Teilzeitkräfte

Transparenz-Anforderungen

EU AI Act — High Risk

AI im HR ist als High Risk klassifiziert. Anforderungen:

  1. Risikomanagement: Dokumentierter Prozess zur Identifikation und Minderung von Risiken
  2. Datenqualität: Trainingsdaten müssen repräsentativ und bias-arm sein
  3. Transparenz: Betroffene müssen wissen, dass AI eingesetzt wird
  4. Menschliche Aufsicht: Ein Mensch muss AI-Entscheidungen übersteuern können
  5. Genauigkeit & Robustheit: Regelmäßige Tests und Validierung
  6. Dokumentation: Technische Dokumentation des gesamten AI-Systems

Erklärbarkeit

Bewerber und Mitarbeiter haben das Recht zu erfahren:

  • Dass AI eingesetzt wird (Informationspflicht)
  • Welche Kriterien die AI nutzt (Transparenz)
  • Warum eine bestimmte Entscheidung getroffen wurde (Erklärbarkeit)
  • Wie sie widersprechen können (Anfechtbarkeit)

Betriebsrat und Mitbestimmung

Mitbestimmungsrechte (§ 87 BetrVG)

In Deutschland hat der Betriebsrat weitreichende Mitbestimmungsrechte bei AI im HR:

  • § 87 Abs. 1 Nr. 6: Technische Einrichtungen zur Verhaltens- und Leistungskontrolle
  • § 94: Personalfragebögen und Beurteilungsgrundsätze
  • § 95: Auswahlrichtlinien bei Einstellung und Versetzung

Konsequenz: Keine AI-Einführung im HR ohne Betriebsratsvereinbarung.

Best Practices für die Zusammenarbeit

  • Frühzeitig einbinden: Betriebsrat von Anfang an informieren, nicht erst bei Einführung
  • Pilotphase vereinbaren: Testphase mit klaren Evaluationskriterien
  • Audit-Rechte: Betriebsrat kann regelmäßige Bias-Audits einfordern
  • Kill Switch: Vereinbarung, dass das System bei nachgewiesener Diskriminierung sofort gestoppt wird

Checkliste: AI im HR ethisch einsetzen

  • Bias-Audit vor Go-Live (durch unabhängige Dritte)
  • Betriebsratsvereinbarung abgeschlossen
  • Bewerber/Mitarbeiter werden über AI-Einsatz informiert
  • Mensch-in-the-Loop bei allen wesentlichen Entscheidungen
  • Regelmäßige Re-Evaluierung (quartalsweise)
  • Beschwerdemechanismus eingerichtet
  • Dokumentation EU-AI-Act-konform

Fazit: AI im HR kann enormen Nutzen stiften — aber nur mit ethischem Kompass, rechtlicher Absicherung und menschlicher Kontrolle. Technologie ohne Ethik ist im HR keine Option.

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Quiz

Frage 1 von 3

Welches Mitbestimmungsrecht ist bei der Einführung von AI im HR besonders relevant?